| Presseinformation
You’ll
Never Walk Alone Kuratoren: Thomas Edlinger & Martin Sturm Stephen Dean FR/US, Josef Dabernig /AT, Wolfgang Dorninger /AT, Massimo Furlan /CH, Julie Henry /GB,Peter Hörmanseder /AT, Jamie Holman /US, Kurt Lackner /AT, Peter Mörtenböck & Helge Mooshammer /AT, Antoni Muntadas /ES, Barbara Musil & Gunda Wiesner /AT, Antonio Ortega /ES, Grazia Toderi /IT Ab dem 9. Juni wird wieder gezittert
und gebetet, geweint und gejubelt, geprügelt und getanzt, rassistisch
gejohlt und antirassistisch agiert. Die Fußball-WM entzündet
die Leidenschaften von Millionen und macht auch vor KünstlerInnen
und Kunsteinrichtungen nicht halt. Im Angesicht der globalen und gruppenübergreifenden Begeisterungsstürme stellt sich die Frage, wer nun die „echten“ Fans sind, nicht mehr. So verschieden die soziale Stellung, die sub- oder jugendkulturelle Identifikation und der tatsächliche „Opferwille“ für das auserkorene Team auch sein mag: Fan ist, wer sich als solcher bezeichnet und in einem bestimmten Umfeld damit auch anerkannt wird. You‘ll never walk alone - die nach dem legendären
Schlachtgesang aus Liverpool benannte Ausstellung betrachtet die „Fan-Phänomene“
von verschiedenen Blickpunkten aus und stellt dazu Kunst, Film, Dokumentation
und Fan-Kommerz in ein Spannungsverhältnis.
Die in eine zeltartige Konstruktion aus bunten Bannern
integrierte Videoarbeit „Volta“ zeigt die Fußballfans
in Stadien nicht nur als grölende Masse. In einem Zusammenschnitt
von brasilianischen Meisterschaftsspielen fängt das Video den „Rhythmus“
der Emotionen ein. 1968, geboren in Paris, lebt und arbeitet in
New York.
Fußballfans sind seit ewigen Zeiten nicht bloß
Konsumenten sondern auch Produzenten, kurz Prosumer. Die Fans produzieren
Gesänge, Choreographien, Fußball-Fanmagazine, Fan-Gadgets,
Fan-Utensilien und natürlich jene Stimmung, die den Gegner bereits
beim Einlaufen den Schauer über den Rücken laufen lässt.
Wolfgang (Fadi) Dorninger, 1960 in Linz geboren, lebt und arbeitet in Linz; Musiker & Autor, Radio DJ, Netzwerker
Pascal Claude ist nicht nur Fußballjournalist,
sondern auch Fan. Seit einigen Jahren veröffentlicht er in unregelmäßigen
Abständen ein liebevoll gestaltetes Heftchen zum Thema Fußball
mit dem bezeichnenden Namen «Knapp Daneben».
Der österreichische Künstler konfrontiert in seinen Fotoarbeiten zu Fußballstadien und –plätzen den Purismus der Geometrie mit der Ungeordnetheit der Zeitläufe. Das konkrete Leben, die Geschichte der Menschen, überwuchert die abstrakten Modernismen in West und Ost mit ihrem Eigensinn. „Plac Centralny“
(1994), ein vierteiliges Fotopanorama, interpretiert den Weg
von polizei- eskortierten Fußballfans über selbigen Hauptplatz
in Nova Huta als säkulare Prozession vor dem 1956 Geboren in Kötschach-Mauthen (A), lebt
in Wien
Massimo Furlan bearbeitet, wie so viele (männliche)
Künstler in seinem Video „Furlan/Numero23“ seine Obsession
Fußball. 1965 geboren in Lausanne, lebt und arbeitet in
Lausanne
Julie Henry zoomt aus der anonymisierten Masse der hochgerichteten Arme auf den Einzelnen im Fanblock. Ihre jeweils aus einem Foto und einem Notenblatt bestehenden Elemente der „Football Series“ leben von der Spannung zwischen dem entrückten, in seinem Taumel konserviert wirkenden Individuum und dem Wissen um den kollektiven Taumel, den die am Notenblatt dargestellten Schlachtgesänge auszulösen imstande sind. Die automatisierte Handlungsrhetorik des Publikums schwemmt den Einzelnen getragen von den Stimmen der Menge und dem verklärenden Blick auf die vergötterten Helden empor zu vermeintlich Höherem. Die Hymne der Fans wird zum Psalm der Betenden: „You‘ll never walk alone…“! Das Video „Going Down“ zeigt die extremen Aktionen und Reaktionen von Fußballfans während eines Spiels und deren Steigerung durch gruppendynamische Prozesse. Julie Henry, 1959 geboren in Cambridge, lebt
und arbeitet in London
Jamie Holmans Videos beziehen ihren Witz aus der
Konfrontation von Sound und Bild: Videokünstler, Musiker
Die Videoarbeit „Replay” beschäftigt
sich mit einem, zumindest aus österreichischer Sicht, historischen
Sportereignis, nämlich dem 3:2-Sieg über Deutschland bei der
WM 1978 in Cordoba. Sie verweigert aber das – hierzulande ohnehin
nostalgisch verklärte – Identifikationsangebot mit „unseren“
Helden. 1970 geboren in Wels, lebt in Wien
Kurt Lackner ist treuer Anhänger von „FC Blau-Weiß Linz“, dem inoffiziellen Nachfolge-Club des einstigen Werkvereins der VOEST. Seine bunten Bild-Text-Collagen erzählen von den Schnittmengen des Fantums zwischen Pop und Fußball. Sie bedienen sich sowohl der Do-It-Yourself-Ästhetik der ausgeschnittenen Zeitungsschnipsel wie auch der Technik der Übermalung und der partiellen Bildlöschung. Inhaltlich dokumentiert das bewusst trashig arrangierte Medien-Footage das ewige Auf und Ab der Fan-Beziehungskiste zu dem mittlerweile sportlich eher bedeutungslosen Linzer Traditionsclub und verschränkt diese liebevolle Chronik von Fanlust und Fanleid mit weiteren losen, autobiografischen Hinweisen – zum Beispiel auf einen Aufenthalt in Barcelona oder auf die Liebe zu kompromisslosen Punk-Heroen wie die Band “Social Distortion” . 1970 geboren in Linz, lebt & arbeitet in Linz, Studium Visuelle Mediengestaltung bei Marek Freudenreich; Mitglied der Künstlervereinigung MAERZ und der Künstlergruppe "Rebel Club"
Nicht retrospektiv, sondern als urbanistische Recherche
in der Gegenwart legen die beiden Architektur-Theoretiker Peter Mörtenböck
und Helge Mooshammer ihre Arbeit „Gunners and Runners“ an,
die sich anhand des Stadion-Neubaus des Londoner Traditionsclubs Arsenal
entfaltet. Am 12. März 2006 fand dessen letztes Heimspiel im mythisierten,
mitten im Stadtgebiet [Wohnblocks]integrierten Highbury-Stadion statt.
Der Wechsel zum neuen, nur rund 500 Meter entfernten und von der arabischen
Staats-Fluglinie Emirates finanzierten “Emirates-Stadion”
in Ashburton Grove markiert, wie Mörtenbeck/Mooshammer schreiben,
„nicht nur eine örtliche sondern auch eine kulturelle Ablöse:
von einer lokal orientierten englischen Arbeiterkultur zu einer globalisierten
Welt der Ströme. Das obere Ende dieser Transformation bedienen
die Ströme des Kapitals, das untere Ende die Ströme der Migration.“
Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer
sind Gründungsmitglieder des Architektur- und Theoriekollektivs
ThinkArchitecture. Seit 1996 arbeiten sie gemeinsam an Architektur-,
Kunst- und Forschungsprojekten zu relationaler Architektur und urbanen
Kulturen. Peter Mörtenböck ist Universitätsprofessor
für Visuelle Kultur an der Technischen Universität Wien und
derzeit Marie Curie Intra-European Fellow am Centre for Research Architecture/Department
of Visual Cultures, Goldsmiths College, University of London.
Barbara Musil und Gunda Wiesner sind dezitiert keine
Fußballfans, also auch keine Fans von „FC Blau-Weiss Linz“.
Trotzdem reisen sie mit dem Club durch die Untiefen der Regionalliga,
um auf den Sportplätzen mit allen Mitteln der Fankultur als Antifußball-Fanclub
aufzutreten. Mit Transparenten und Parolen wie „90 Minuten Zeitverschwendung“
oder “Fußball go home!” mischen sie sich unter die
“richtigen Fans” oder beziehen einen eigenen Sektor auf
den Tribühnen. Barbara Musil, 1972 geboren in Salzburg, lebt
& arbeitet in Wien & Linz
Mit dem katalanischen FC Barcelona und seiner historischen Rivalität zu dem „königlichen“ Club Real Madrid beschäftigt sich der spanische Künstler Antonio Ortega. Die legendären gemeinsamen Essen der beiden Club-Präsidenten vor jedem Spiel werden von der Klatschpresse verfolgt und kommentiert. Für seine Rauminstallation kochte Ortega diese Menus nach und fror sie ein. Die große Tiefkühltruhe mit ca. 100 kg an gefrorenen Speisen ist im Ausstellungsraum zu sehen, dazu Artikel spanischer Zeitungen und die Fahnen der Clubs. 1968, geboren in Sant Celoni, lebt und arbeitet in Barcelona
Die italienische Künstlerin Grazia Toderi überhöht den Willen zur visionären architektonischen Strahlkraft neuer Stadionbauten in ihrem Video „Il decollo“. Aus der Vogelperspektive verformt sie mittels digitaler Bearbeitung das Mailänder San Siro-Stadion zu einer unwirklich-technoid schimmernden Kathedrale des Lichts, die den heiligen Rasen als Kristallisationspunkt eines Transzendenzversprechens erscheinen lässt. 1963 geboren in Padua, lebt und arbeitet in Mailand Fanraum Ein Fanraum präsentiert Objekte und Dokumentationen
zum Thema. Sinnentleerte Merchandising-Auswüchse genauso wie "sprechende"
Sticker, Badges, Schals und T-Shirts, die von Rassismus, Sexismus, Gewalt
und deren Bekämpfung erzählen. KINO, KUNST und KICKEN 9. Juni – 9. Juli Moviemento Spielfilmreihe
rund um den Fußball
9. Juni – 9. Juli 2006 10. Juni – 9. Juli 2006 4. Juli - 13. August 2006
Medienpartner:
|