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Pressemitteilung
Linz, 4.12.2003
Emily Jacir
BELONGINGS
5. Dezember 2003 – 15. Februar 2004
Kuratorin: Stella Rollig
2003 widmet sich das O.K Centrum für Gegenwartskunst OÖ in
einem mehrteiligen Jahresprojekt zeitgenössischen künstlerischen,
filmischen und theoretischen Produktionen des Nahen Ostens, die die
kulturellen, politischen und territorialen Konfliktfelder zwischen Israelis
und PalästinenserInnen bearbeiten. Mit der Einzelausstellung belongings
der palästinensischen Künstlerin Emily Jacir wird dieser Schwerpunkt
abgeschlossen.
In Saudi-Arabien, Frankreich, Italien und in den USA aufgewachsen, hat
Emily Jacir derzeit Wohnsitze in New York und Ramallah.
Die Erfahrung von Verlust und vom Leben in heute unversöhnlich
scheinenden Teilen der Welt sind der Hintergrund, vor dem sie eine zu
Widerstand und zum Überschreiten realer und imaginärer Grenzen
entschlossene Kunst entwickelt. Das Thema des Exils, der freiwilligen
und der erzwungenen Bewegung zwischen Orten und Kulturen, ist dabei
ein zentrales Motiv.
Die Arbeit Where We Come From (2001-2003), mit der sie zuletzt
auf der Biennale von Istanbul große Aufmerksamkeit erregt hat,
verdeutlicht die Merkmale von Jacirs Arbeitsweise. Oft geht sie von
einer persönlichen Erfahrung aus: In diesem Fall sind es ihre,
durch einen US-Pass ermöglichten, ständigen Reisen zwischen
Palästina und anderen Teilen der Welt, bei denen sie wegen der
massiv eingeschränkten Bewegungsfreiheit der PalästinenserInnen
immer wieder um Übermittlung persönlicher Dinge und Botschaften
gebeten wird. Diese Form von informellem Kurierdienst hat sie durch
eine gezielte Frage zugespitzt – „Was kann ich für
dich in Palästina tun, wohin du nicht fahren kannst?“ –
und sich damit selbst als Agentin für Wunschproduktion und –erfüllung
engagiert. Eine klar formalisierte Serie aus textlichen und fotografischen
Dokumenten ist das Ergebnis, das eine verworrene und tragische politische
Situation ohne Sentimentalität in ihren Auswirkungen auf individuelle
Leben zeigt.
Emily Jacirs erste
Einzelausstellung in Europa gibt einen Überblick über die
Vielfalt ihres Werks, das Objekte, Zeichnungen, Fotografie und Video
ebenso einschließt wie raumgreifende Installationen und Aktionen
engagierter Kommunikation.
Vorgestellt werden dabei auch jene neuen künstlerischen Projekte,
die Emily Jacir im Rahmen des O.K Stipendiaten- und Artist-in-Residence-Programms
in den letzten Monaten realisiert hat.
X-MAS, 1999
Christbaumkugeln mit dem Motiv der palästinensischen Flagge schmücken
einen Tannenbaum in der Schlucht des O.K. Diese auf den ersten Blick
ungewöhnliche Konstellation verweist auf die Tatsache, dass nicht
alle PalästinenserInnen Muslime, sondern viele auch Christen sind
und somit Weihnachten feiern.
Nothing
Will Happen (eight normal Saturdays in Linz), 2003
DVD Video
Die Linzer Sirenenproben
jeden Samstag Mittag lösten bei Emily Jacirs erstem Besuch Beklemmung
aus. Ein Signal, das sie nur in Zusammenhang mit Bedrohung und letztendlich
Tod kennt, verursacht hierorts keinerlei Reaktion.
Während ihres zwei-monatigen Aufenthalts in Linz filmte sie jeden
Samstag von 11.59 bis 12.01 den Hauptplatz vom selben Blickpunkt aus:
Nichts geschieht, während erst die Sirene heult und unmittelbar
darauf die Kirchenglocken einsetzen.
Change/Exchange,
1998
Die Arbeit dokumentiert mit Fotos und Belegen, wie man durch mehrmaliges
Wechseln von 100 US Dollar in französische Francs und zurück
den gesamt Betrag verliert. Eine Arbeit im Geist der mittlerweile klassischen
Konzeptkunst, die im Zusammenhang von Jacirs Oevre vor allem als Thematisierung
des unvermeidlichen Verlustes bei Ortswechseln verstanden werden kann.
Where We
Come From, 2001–2003
Im Auftrag der Al-Ma'mal Foundation for Contemporary Art, Jerusalem,
Palestine
PalästinenserInnen
können die Frage „Woher kommen Sie?“ selten mit einem
einzigen Wort beantworten. Für die meisten sind verschiedene Antworten
möglich, und alle sind kompliziert und benennen Orte, die oft nicht
mehr erreichbar sind oder nicht mehr als arabische Siedlungen existieren.
Ausgangssperren und der Status als staatenlose Flüchtlinge sind
oft unüberwindliche Hindernisse beim Reisen.
Mit ihrem US-Pass ist es Emili Jacir möglich, sich weitgehend frei
in Israel bzw. in den besetzten Gebieten zu bewegen. Diese Situation
erlaubt es ihr, für andere PalästinenserInnen Dinge zu erledigen,
Botschaften zu überbringen etc. Die Serie Where We Come From beginnt
mit ihrer Frage an Landsleute: „Was kann ich für dich in
Palästina tun, wohin du nicht fahren kannst, wohin aber ich fahren
kann?“.
Crossing
Surda (a record of going to and from work), 2002
Zweikanal-Videoinstallation
30 min. VHS Video, produziert von Debs & Co.
Mit einer Videocamera,
versteckt in der Tasche, filmt Emily Jacir ihren täglichen Weg
von Ramallah zu ihrer Arbeit an der Birzeit Universität und zurück.
Sie musste dabei durch den mit israelischen Soldaten, gepanzerten Mannschaftsfahrzeugen
und manchmal Panzern bestückten Surda-Kontrollpunkt. Die Ramallah--Birzeit
Road war lange die einzig verbliebene offene Verbindung zwischen Ramallah
und etwa dreißig palästinensischen Dörfern.
Die Projektion zeigt eine Echtzeit-Aufnahme von acht Tagen Fußweg,
während das Material auf dem Monitor einzelne Momente der Begegnung
zwischen PassantInnen und dem Militär verdichtet.
Return,
2003
Fotografie, Kaffee aus Palästina
Ein palästinensischer
Brauch verlangt, dass jemand, der Abschied nimmt, an der Türschwelle
durch verschütteten Kaffee gehen muss. Seine Fußspuren verbleiben
als Beschwörung seiner glücklichen Rückkehr.
SEXY SEMITE,
2000–2002
Dokumentation einer Intervention
Mittels anonym geschalteter
Kontaktanzeigen in drei Ausgaben der New Yorker Wochenzeitung Village
Voice thematisiert Emily Jacir die Situation junger PalästinenserInnen
im Ausland. Sie geben vor, jüdische Partner zu suchen, um durch
eine Heirat in ihre Heimat gelangen zu können, für die sie
auf anderem Weg kein Visum bekommen. Ebenfalls dokumentiert sind einige
aufgeregte Medienreaktionen auf die Aktion.
from Texas
with love, 2002
Videoinstallation
Auf einer Autofahrt
durch Texas filmte Emily Jacir die Landschaft und bat dann palästinensische
Freunde und Bekannte, jenes Lied vorzuschlagen, das sie auf einer stundenlangen
Autofahrt am liebsten hören würden. Eine solche Fahrt wäre
in Palästina nur möglich, wenn es dort keine Militärs,
Checkpoints und Straßensperren gäbe.
Das Ergebnis ist ein Video mit einem sehr abwechslungsreichen Soundtrack,
von amerikanischen Popsongs bis zu arabischen nationalistischen Hymnen.
linz diary,
2003
Webcam-Aufnahmen, 27 Foto-Prints
Bei ihren Internet-Recherchen
über Linz bemerkte Emily Jacir, dass es in dieser Stadt ungewöhnlich
viele Web-Cams gibt. Jeden Tag während ihres Aufenthalts posierte
sie um 18 Uhr am Hauptplatz an der gleichen Stelle vor der dort installierten
Webcam. Anschließend versandte sie Grußbotschaften und Kommentare
an ihre FreundInnen und Bekannten in aller Welt mit dem Hinweis, Linz
über die Webcam zu besuchen und sie zu sehen.
Damit entstand eine Serie, die nicht nur die Veränderung des Hauptplatzes
im Herbst dokumentiert, sondern auch die Befindlichkeit der Künstlerin
in Linz.
Entry Denied
(ein Konzert in Jerusalem)
Marwan Abado, ein österreichischer Musiker palästinensischer
Herkunft, war im Sommer 2003 offiziell zu einem Konzert beim „Songs
for Freedom“-Festival in Jerusalem eingeladen. Bei seiner Ankunft
wurde ihm die Einreise verweigert. Er wurde vorübergehend in Gewahrsam
genommen und musste umgehend nach Österreich zurück fliegen.
Emily Jacir bat Marwan Abado, sowie Franz Hautzinger und Peter Rosmanith,
das Konzert in Wien auf exakt die Weise zu spielen, wie die drei Musiker
es für Jerusalem geplant hatten.
Was dort nicht stattfinden konnte, existiert nun als Videodokument.
Memorial
to 418 Palestinian Villages which were Destroyed, Depopulated and Occupied
by Israel in 1948, 2001
Ein Flüchtlingszelt handbestickt mit den Namen jener 418 palästinensischen
Dörfer, die 1948 von Israel zerstört, entvölkert und
besetzt wurden. Das Werk entstand mit Hilfe zahlreicher HelferInnen
in einem mehrwöchigen Prozess und ist somit nicht nur ein Kunstobjekt,
sondern auch das Dokument eines kommunikativen, partizipativen Projekts.
In this
Building, 2002
Schwarzweiß-Fotos aus dem Archiv der Vereinten Nationen, aufgenommen
in Queens, New York, während der Diskussionen und nach der Resolution
zur Teilung von Palästina 1947–1949.
From Paris
to Riyadh (Drawings for my mother) Février 1992,
1999–2001
From Paris to Riyadh (Drawings for my mother) Novembre 1980,
1999–2001
Weiße Blätter
von Transparentpapier mit schwarzen Tintenflecken. Bei genauerem Hinsehen
erkennt man, dass es sich um die Silhouetten weiblicher Körperteile
handelt. Jeder Werkblock entspricht einer Monatsausgabe der französischen
„Vogue“, die Emily Jacir Seite für Seite bearbeitet
hat.
Eine Erinnerung der Künstlerin an die Kindheit, als ihre Mutter
die nackten Körperteile der Frauen in Modezeitschriften schwarz
ausmalen musste, um die Magazine von Frankreich nach Saudiarabien mitnehmen
zu können.
Emily Jacir
Geboren 1970
Lebt und arbeitet in Ramallah and New York
1998–1999 Whitney Independent Study Program, New York/USA
1994 Memphis College of Art, M.F.A., Memphis/USA
1992 University of Dallas, B.A., Dallas/USA
Stipendien
2002 Barbara Deming Memorial Fund for Women, New York/USA
1995 Kimbrough Award Fund, Dallas Museum of Art, Dallas/USA
Ausgewählte Einzelausstellungen:
2004 The Khalil Sakakini Cultural Centre, Ramallah/PLE
2003 8. Biennale/Istanbul
Ausgewählte Gruppenausstellungen:
2004 Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York/USA
Global World/Private Universe, Kunstmuseum St.Gallen/CH
Site Matters, Lower Manhattan Cultural Council
2003 VEIL, Institute of International Arts, London/GB
Made in Palestine, The Art Car Museum, Houston/USA
2002 Queens International, Quens Museum of Art, New York/USA
Routes, Grazer Kunstverein, Graz/A
Ausgewählte Bibliographie:
Tom Breidenbach: „Emily Jacir – Debs&Co“, Artforum
Sommer 2003
Holland Cotter: „Emily Jacir“, The New York Times, 9. Mai
2003
Tory Dent: „Emily Jacir“, Parachute, 012, Fall 2003
Eleanor Heartney: „Emily Jacir at Debs&Co“, Art in America,
Oktober, 2003
Artist in Residence
2002 Al-Mamal, Jerusalem/PLE
2000 – 2001 National Studio Program, P.S.1 Contemporary Art Center,
New York/USA
1999 – 2000 World Views, Lower Manhattan Cultural Council, New
York/USA
1998 Cite Internationale des Arts, Paris/F
Presseinformation:
Maria Falkinger, T: 0732.784178-203, m.falkinger@ok-centrum.at
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