| PRESSEMITTEILUNG
ESRA ERSEN KuratorInnen: Genoveva Rückert &
Martin Sturm Identität, Sprache, Migration und Integration, ein meist ortspezifischer Zugang und vor allem ihr eigener kultureller Hintergrund sind die zentralen Motive in Esra Ersens Arbeit. Ihr vielfältiges Werk umfasst Fotografie und Video ebenso wie Rauminstallationen und inszenierte Situationen. Esra Ersen interessiert sich für die Bildung von Identität und deren Wandlung in unterschiedlichen Kontexten oder Machtstrukturen. Sie untersucht wie Fremdwahrnehmung und Klischees die Selbstwahrnehmung prägen. Ihre Arbeiten entwickelt die Künstlerin in intensiver Zusammenarbeit mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die sie über längere Zeit begleitet. Dem Ansatz nach offen für die Entwicklung des Prozesses, werden das Potential ihrer Partner und das der Situation konstitutive Elemente ihrer Arbeiten. Ihr besonderes Interesse gilt den ausgegrenzten, schwächeren Gliedern der Gesellschaft: Schnüffelnde Staßenkinder in Istanbul, afrikanischen MigrantInnen, junge türkische Frauen in Deutschland... Sie ermuntert ihre ProtagonistInnen sich innerhalb der von ihr gestellten Rahmenbedingungen zu positionieren, Aussagen zu treffen und legt die zwischen Betroffenheit und Agitation angesiedelten Sprechakte in ihrer Vielschichtigkeit offen. In der Ausstellung im O.K zeigt Esra Ersen
Arbeiten von 1998 bis 2005 und somit erstmals einen Überblick über
ihr Schaffen. International vernetzt und ständig auf Reisen,
wurde ihre Arbeit, nicht zuletzt aufgrund ihrer situativen Arbeitsweise,
entscheidend von den jeweiligen Stationen ihrer zahlreichen Auslandsaufenthalte
geprägt. Die Konzeption der Ausstellung orientiert sich an der
künstlerischen Entwicklung der Künstlerin. Jene Arbeiten,
die sie in Istanbul realisiert hat, werden räumlich getrennt von
solchen präsentiert, die bei ihren zahlreichen Residency-Aufenthalten
in Westeuropa entstanden sind. Zur Ausstellung erscheint im März 2006 ein 96-seitiger Hardcover gebundener Katalog mit zahlreichen großformatigen Abbildungen bei Folio Verlag Bozen/Wien. Die Monographie bietet einen fundierten Aufarbeitung des Werks von Esra Ersen von 1998 – 2005 und enthält Texte von Erden Kosova, Chuz Martinez und Irit Rogoff. Esra Ersen, geb. 1970
in Ankara, Türkei. Lebt in Istanbul.
Mit diesem Satz, der in Großbuchstaben auf dem Vorplatz prangt, findet Esra Ersen eine Metapher für den sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaat und seine politikverdrossene Gesellschaft. Die Arbeit „Today there is no Demonstration in Disneyland“ ist der Wortlaut einer Anzeige, die Esra Ersen, 2004, im Rahmen der Ausstellung „Shake Academy“ im Tagblatt – Zeitung für Letzebüerg (Luxembourg), geschaltet hat.
Im Video wird die deutsche Fahne in einem performativen Prozess zur Flagge des bekannten Istanbuler Fußballklubs Galatasaray umgewandelt. Esra Ersen reflektiert in dieser Videoinstallation die Situation von deutschen Mädchen mit türkischer Herkunft und ihre Verbindung zu ihrem kulturellen Hintergrund. Sie beschreiben die problematischen deutsch – türkischen Beziehungen, in denen insbesondere türkische MigrantInnen wenige Momente haben, in denen sie sich auf der selben Augenhöhe treffen können. Eine dieser Sternstunden war 2000 die Verleihung des UEFA Cup Pokals an Galatasaray, ein Umstand, der vielen im Ausland lebenden Türken erlaubte, selbstbewusster mit ihrer Identität umgehen.
Das Thema der Migration und der Integration ist in
den Videoarbeiten und Projekten von Esra Ersen ein wiederkehrendes Thema.
In ihrem Video If You Could Speak Swedish, 2001 [Wenn Du schwedisch
sprechen könntest] untersucht Ersen den Sprachunterricht für
MigrantInnen als Initiationsritus und disziplinierende Praxis, die dazu
dient, die kulturelle Identität der „Fremden“ den Werten
und Erwartungen des Aufnahmelandes anzunähern.
In Zusammenarbeit mit Gefangenen der Justitzanstalt
Graz – Karlau entstanden Transparente, die Aussagen der Insassen
auf die massige Beton-Umzäunung und damit nach Außen übertrugen.
Die Arbeit Ich bin Türke, bin ehrlich, bin
fleißig..., 2005 entstand mit der 4. Klasse der „Schule
für Alle“ am Teistlergut in Linz. Für die Dauer einer
Woche trugen 21 SchülerInnen, begleitet von der Künstlerin,
türkische Schuluniformen und beschrieben ihre Eindrücke beim
Tragen. Diese Erfahrungen wurden direkt auf die Kleidungsstücke
gedruckt und sind gemeinsam mit der filmischen Dokumentation im O.K
zu sehen.
Mit der provokanten These „2052 Malmö
no Longer be Swedish“ an das Rooseum – Center for Contemporary
Art eingeladen, nahm Esra Ersen nach einer gründlichen Recherche
über die voraussehbare Entwicklung von Bevölkerungsstruktur
und Migration Kontakt mit Kindern auf.
In dieser fotografischen Arbeit spielt Esra Ersen mit Vorstellungen, Bildern und Symbolen. Die Künstlerin selbst posiert archaisch inmitten eines Weizenfeldes und könnte vom Covergirl bis zur mythologischer Figur alles darstellen. Die Fotos entstammen dem privaten Album der Künstlerin und sind auch ein Dokument ihrer persönlichen Erfahrungen. Die Arbeit verbindet die Sehnsucht nach dem Westen mit dem verklärten Blick auf die exotische Frau aus dem Osten.
Stereotype Identifikationsfiguren, wie sie japanischen
Medien jungen Mädchen anbieten, thematisiert die Künsterlin
in der Arbeit Which one you chose?, 2003, [Welche wählst
du?].
Innerhalb einer an die städtebaulichen Struktur
von Istanbul angelehnten Gestaltung der „Schlucht“ des O.K
offenbaren die hier vorgestellten Arbeiten eine kritische Sicht auf
die Stadt – die Vielfalt ihrer kulturellen Identitäten, ihre
sozialen und ethnischen Wirklichkeiten, ihren Charme und ihre Probleme.
Hello Where is it?, 2000 zeigt die Aufzeichnung von Gesprächen, aufgenommen beim Überqueren der Bosporus-Brücke und damit einen alternativen Blick auf diesen markanten Ort. Zu sehen sind drei ineinander verschnittene Autofahrten über die Brücke, die zwei Stadtteile und Kontinente miteinander verbindet. Wir begleiten drei Paare und werden Beobachter ihrer beiläufigen Gespräche, bis sie jeweils von den Straßenschildern „Welcome in Europe“ oder „Welcome in Asia“ begrüßt werden, die den Übergang Orient zu Okzident markieren. Auch hier bleibt Esra Ersen unbeteiligte Beobachterin und Regisseurin, die zwar die Rahmenbedingungen vorgegeben hat und anwesend ist, sich aber nicht aktiv in die Handlung einmischt.
Dem Klischee von der exotischen, aber auch unterdrückten
türkischen Frau begegnet Esra Ersen in der Installation Hamam,
2001. Durchaus ironisch präsentiert sich das Video von zwei jungen
Frauen in einem klassischen türkischen Bad, wenn wir erfahren,
dass die beiden zum ersten Mal an so einem Ort sind. Sie unterhalten
sich in dieser intimen Situation über sexistische mails in ihrem
Posteingang und tauschen sich über die Arbeit, den Freund, etc.
aus.
In This is the Disney World [Das ist Disney World] ist es eine Gruppe von Straßenkindern, denen Esra Ersen auf ihren Streifzügen durch die Stadt folgt. Ein Leuchtreklameschild im Vergnügungsviertel Istanbuls wirbt mit den Lettern FUN CITY. Die interviewten Jugendlichen und Kinder singen populäre Songs, erzählen Geschichten aus ihrem Leben oder solche, die sie sich ausdenken. Das Video gliedert sich in einzelne Kapitel über Liebe, Gewalt, das Schicksal, das Erwachsen werden, Väter oder die Stadt. Esra Ersen dokumentiert mit ihrer Kamera, sie lässt die Kinder und Jugendlichen sprechen, mischt sich selbst nicht in die Unterhaltung ein, bleibt aber als Gesprächspartnerin präsent.
In Brothers and Sisters (2003) [Brüder
und Schwestern] verschiebt Ersen die Aufmerksamkeit von der üblichen
Debatte um die Migrationsbewegungen asiatischer oder afrikanischer Flüchtlinge
nach Europa hin zu den unterwegs „Gestrandeten“: Sie lässt
AfrikanerInnen in Istanbul zu Wort kommen, die ihre Reisepläne
nach Mitteleuropa nicht realisieren konnten und in der Türkei nun
als Illegale leben.
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