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Peng Hung-Chih - Little Danny

Pressemitteilung vom: 12. Dezember 2002

Datum: 13.12.2002 - 02.02.2003

Der "angeblich" beste Freund des Menschen" ist seit jeher ein interessantes Thema in der Kunst und inspirierte so unterschiedliche Künstler wie Beuys oder Koons.

Auch für Peng Hung-Chih, einen jungen taiwanesischen Künstler, der als Artist-in- Residence im O.K zu Gast war, ist der Hund mit einer Vielfalt von Bedeutungen verbunden. Seit 1999 widmet sich der Künstler ausschließlich diesem Thema, womit er in der zeitgenössischen Kunstszene Taiwans eine einmalige Position einnimmt. Peng Hung-Chih’s Arbeiten werden nunmehr im O.K Centrum für Gegenwartskunst erstmals in Europa präsentiert.

Peng Hung-Chih beschränkt sich nicht auf die Darstellung von Hunden sondern führt den BesucherInnen die Welt aus dem Blickwinkel des Hundes vor. Die Lebensweise des Künstlers, seine jahrelange, intensive Beschäftigung und Erfahrung mit Hunden, ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Um diesen privaten Kosmos wird in den Arbeiten ein komplexes Referenzsystem aufgebaut, das den Hund zu einer idealen Projektionsfläche für die Analyse sozialer Strukturen oder ökonomischer Zustände macht. Wahrnehmungspsychologische Ansätze werden dabei ebenso einbezogen wie Elemente der Massen- und Populärkultur oder mythologische Traditionen. Fragen nach Identität und Rasse am Beispiel des Hundes zu stellen, die Interaktion Hund-Mensch zu erforschen, den Hund als Symbol für eine ganze Gesellschaft zu nehmen oder die Existenz des Künstler mit einem Leben als Hund zu vergleichen sind nur einige seiner Anknüpfungspunkte. Wenn Peng sagt, wie sehr er es bedauert, "dass es ihm nicht möglich ist, für einige Zeit in die Haut eines Hundes zu schlüpfen", kann man darin - jenseits aller kulturellen Differenz - schlicht und einfach auch den Wunsch erkennen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Pengs gesamtes Kunstschaffen ist geprägt von seinem Sinn für das Absurde und Witzige. Seine ebenso erfrischende wie respektlose Aneignung unterschiedlicher kultureller Traditionen und ästhetischer Codes verleiht seinen Arbeiten, jenseits ihrer konzeptionellen Schärfe, eine spielerische Note und machen sie für ein breites Publikum zugänglich.


Hauptstück der Ausstellung ist die Little Danny.

Praktisch jeder kennt den Ausdruck "Made in Taiwan" - Synonym für billig produzierte Massenartikel und Beispiel für die absurd anmutende Geografie globalisierter Wirtschaftsströme, die sich in unserer Warengesellschaft unter dem Primat der "Kostengünstigkeit" ausgebildet hat.
Peng Hung-Chih hat diesen Ausdruck wörtlich genommen und gemeinsam mit dem O.K eine 4,5 m hohe, monumentale Dackelskulptur produziert, die aus mehr als 3000 kleinen Hunden besteht. Es handelt sich dabei um ein Massenprodukt mit dem Markennamen "Little Danny", ein vor allem in Taiwan vertriebener, pelziger kleiner Spielzeughund. Ironischerweise läßt der taiwanesische Hersteller nicht in Taiwan, sondern - der Logik des Marktes folgend - in China produzieren.

Für Pengs Skulptur wurden alle Batterien entfernt, die Spielzeughunde in mühevoller Handarbeit miteinander verkabelt und auf einem Drahtgeflecht montiert. Ausgelöst durch Bewegungsmelder beginnen sie alle gleichzeitig zu "japsen" und mit ihrem Stummelschwanz zu wedeln.
Peng bedient sich dieses globalisierten Produkts, um ein in Massenproduktion hergestelltes Spielzeug, eine Abwandlung der Disney’schen Dalmatiner, in ein Kunstobjekt zurückzuverwandeln. Ein inhaltlich anspruchsloser Konsumartikel (der im übrigen einen Dackel als Dalamatiner ausgibt und auch nicht wie ein Hund bellt) wird zu einem eindrucksvolles Unikat, das einen neuen "Wert" jenseits des Warencharakters schafft, obwohl es selbst ebenfalls in der Arbeitsweise eines Massenartikels hergestellt wurde. Auf ironische Weise wird die‚ Schönheit seiner Erscheinung’ damit nicht nur zu den verschlungenen, ausbeuterischen Produktionsmodi globaler Wirtschaftssysteme in Beziehung gesetzt und auf die Rolle von Pengs Insel-Heimat als berühmt-berüchtigter Hersteller von Billigprodukten verwiesen. Als absurder Wachhund mit seinem kollektiven Gebell kann Pengs Little Danny auch als Anspielung auf Taiwans Versuch verstanden werden, seiner Stimme auf der internationalen politischen Bühne Gehör zu verschaffen.


Im Saalvorraum hat Peng Hung-Chih eine Mischung aus Atelier und Warenlager inszeniert. Hinter zahllosen gestapelten Little Danny-Verpackungs-Kartons befindet sich eine Arbeitsplatte und ebenso liebevoll wie flüchtig hingeworfene Zeichnungen griechischer Skultpuren in Hundekostümen sind an die Wand gepinnt. Davor, projiziert aus einem Hundetragkorb, die Videoarbeit Siao-Pai (1999, 30min), Pengs erster Versuch, die Welt aus der Hundeperspektive zu zeigen.


Das kurze Eingangsvideo Dress Up (1 min, geloopt) zeigt zwei herausgeputzte Hunde bei einem Besuch im Hundeasyl. Einer der beiden trägt ein Lassie-Kostüm aus Kunstpelz mit aufgenähtem Auge, wie es für Cartoon-Figuren typisch ist. "Lassie" gegenüber steht ein, in einen Käfig eingesperrter Köter, die beiden bellen sich an. Ein als Dalmatiner verkleideter Hund liegt - scheinbar uninteressiert - daneben. Kleidung spielt in dieser skurilen Versuchsanordnung eine entscheidende Rolle: Sie verbirgt, sie täuscht, sie verleiht scheinbar ‚Rasse’ und Identität und führt doch nicht zum Erfolg. Im taiwanesischen Kontext sind Titel und Geschichte auch als ironischer Kommentar auf die Gepflogenheit lesbar, sich neue Kleider zu kaufen, wenn man zum chinesischen Neujahrsfest nach Hause fährt.


Zum ersten Mal wird Peng Chih’s "Laokoon" gezeigt, der während seines Residency-Aufenthaltes entstanden ist. As Firm as Rock (Ein Fels in der Brandung) nennt Peng diese Kopie der berühmten hellenistischen Figurengruppe, deren Hauptakteur, der Priester Laokoon, zum Dalmatiner-Hund mutiert ist. Diese Skulptur, die wie kein zweites antikes Werk die bildende Kunst und Kunsttheorie der Aufklärung angeregt hat, verwandelt sich damit in einen komplexen, ambivalenten Vermittler von tradierten und zeitgenössischen kulturellen Zeichen. Peng vermischt die westlich geprägte Idee vom nackten männlichen Körper als Träger übernatürlicher Kräfte mit animistischen Theorien, stellt Nacktheit und Verhüllung gegenüber, schlägt eine Brücke zwischen Hoch- und Populärkultur und macht aus dem antiken Helden einen griechischen Superman, als Hundegott verkleidet. Die hohe Kunst der Skulptur wird respektlos ins Komische verkehrt, der Mythos, die Geschichte von Kampf, Macht, Leid und Tod wird ironisch gebrochen und wie ein Cartoon erzählt.
Vom Gott zum Hund und umgekehrt: Um mit Peng zu sprechen ist dran nichts spekulativ, man muss nur die Zeichen richtig lesen. Die hierarchische Umkehrung dieser Rollen ist bereits in der Sprache festgeschrieben, wenn man das englische Wort "god" von hinten betrachtet.


In One black / one white (2:44) dokumentiert eine stationäre Kamera den Moment, in dem zwei Hunde gefüttert werden. Die zwei Akteure - ein weißer und ein schwarzer Hund vom gleichen Wurf - gehen allein oder zu zweit von Napf zu Napf und versuchen vergeblich ihre Gier zu stillen. Sie stecken ihre Nase in den Napf des anderen - vielleicht weil sie glauben, der andere hätte die bessere Portion zugeteilt bekommen. Schließlich gehen sie, sich die Lefzen schleckend, aus dem Bild. Das neurotische Verhalten der Hunde wird durch die Synchronie und Wiederholung der Abläufe, die wie eine planvoll einstudierte Choreografie wirken, zu einem großartigen Dokument der Sinnlosigkeit.


Die Verschiebung der Wahrnehmungsperspektive zwischen Hund und Mensch wird in Face to Face thematisiert. Die Installation besteht aus fünf lebensgroßen Hundemodellen, die verschiedene Positionen einnehmen und in deren Köpfen Videofilme auf kleinen Flachbildschirmen laufen. Die Videos wurden mit Minikameras gedreht, die als ‚drittes Auge’ an der Stirn von lebenden Hunden befestigt waren. Sie zeigen - aus ‚absurder’ Perspektive - Alltägliches und geben Einblick in die Welt-Sicht von Hunden: eine Welt voll rastloser Bewegung, Aggression, Hunger, Konkurrenz und Territoriumskämpfen - so scheint es zumindest. Den BetrachterInnen jedenfalls wird einiges abverlangt: Sie müssen sich gehörig verrenken, wenn sie die Weltsicht wechseln wollen und werden so symbolisch selbst zum Hund.

Texte: Susan Kendzulak / Martin Sturm


Pressefotos

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Fotos: Otto Saxinger

PENG HUNG-CHIH: As Firm as Rock
PENG HUNG-CHIH: As Firm as Rock
PENG HUNG-CHIH: Little Danny
PENG HUNG-CHIH: Little Danny
PENG HUNG-CHIH: Face to Face
PENG HUNG-CHIH: Face to Face