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Esra Ersen - Arbeiten / Works 1998 - 2005

Pressemitteilung vom: 11. Dezember 2005

ESRA ERSEN
Arbeiten / works 1998 - 2005

Presseinformation vom: 01.12.2005

Datum: 02.12.2005 - 15.01.2006

Kuratoren: Genoveva Rückert, Martin Sturm

Identität, Sprache, Migration und Integration, ein meist ortspezifischer Zugang und vor allem ihr eigener kultureller Hintergrund sind die zentralen Motive in Esra Ersens Arbeit. Ihr vielfältiges Werk umfasst Fotografie und Video ebenso wie Rauminstallationen und inszenierte Situationen.

Esra Ersen interessiert sich für die Bildung von Identität und deren Wandlung in unterschiedlichen Kontexten oder Machtstrukturen. Sie untersucht wie Fremdwahrnehmung und Klischees die Selbstwahrnehmung prägen. Ihre Arbeiten entwickelt die Künstlerin in intensiver Zusammenarbeit mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die sie über längere Zeit begleitet. Dem Ansatz nach offen für die Entwicklung des Prozesses, werden das Potential ihrer Partner und das der Situation konstitutive Elemente ihrer Arbeiten.

Ihr besonderes Interesse gilt den ausgegrenzten, schwächeren Gliedern der Gesellschaft: Schnüffelnde Staßenkinder in Istanbul, afrikanischen MigrantInnen, junge türkische Frauen in Deutschland… Sie ermuntert ihre ProtagonistInnen sich innerhalb der von ihr gestellten Rahmenbedingungen zu positionieren, Aussagen zu treffen und legt die zwischen Betroffenheit und Agitation angesiedelten Sprechakte in ihrer Vielschichtigkeit offen.

In der Ausstellung im O.K zeigt Esra Ersen Arbeiten von 1998 bis 2005 und somit erstmals einen Überblick über ihr Schaffen. International vernetzt und ständig auf Reisen, wurde ihre Arbeit, nicht zuletzt aufgrund ihrer situativen Arbeitsweise, entscheidend von den jeweiligen Stationen ihrer zahlreichen Auslandsaufenthalte geprägt. Die Konzeption der Ausstellung orientiert sich an der künstlerischen Entwicklung der Künstlerin. Jene Arbeiten, die sie in Istanbul realisiert hat, werden räumlich getrennt von solchen präsentiert, die bei ihren zahlreichen Residency-Aufenthalten in Westeuropa entstanden sind.
Gezeigt werden in ihrer ersten großen Werkschau 9 Video- und Rauminstallationen, je eine Arbeit am Vorplatz und an der Fassade des O.K, sowie Dokumentationen von Projekten im öffentlichen Raum und Fotoarbeiten.
Im Medienstudio des O.K wurden in einem aufwändigen Prozess sämtliche Videos übersetzt und Deutsch untertitelt.

Zur Ausstellung erscheint im März 2006 ein 96-seitiger Hardcover gebundener Katalog mit zahlreichen großformatigen Abbildungen bei Folio Verlag Bozen/Wien. Die Monographie bietet einen fundierten Aufarbeitung des Werks von Esra Ersen von 1998 – 2005 und enthält Texte von Erden Kosova, Chuz Martinez und Irit Rogoff.

Esra Ersen, geb. 1970 in Ankara, Türkei. Lebt in Istanbul.
Studierte an der Marmara Universität in Istanbul Bildende Kunst und absolvierte ein Postgraduierten-Programm an der Kunstakademie in Nantes/FR. Verschiedene Kunststipendien führten sie wiederholt nach Europa, va. nach Schweden und Deutschland.
Zuletzt hat Esra Ersen im ZKM Karlsruhe, Casino Luxembourg, Rooseum Malmö, Galerie für Zeitgenossische Kunst Leipzig, Manifesta Frankfurt und 8. Biennale Istanbul auf sich aufmerksam gemacht.


There is no Demonstation in Disneyland, 2004
[Es gibt keine Demonstration in Disneyland]

Mit diesem Satz, der in Großbuchstaben auf dem Vorplatz prangt, findet Esra Ersen eine Metapher für den sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaat und seine politikverdrossene Gesellschaft.

Die Arbeit „Today there is no Demonstration in Disneyland“ ist der Wortlaut einer Anzeige, die Esra Ersen, 2004, im Rahmen der Ausstellung „Shake Academy“ im Tagblatt – Zeitung für Letzebüerg (Luxembourg), geschaltet hat.


Im Strafraum, 2001

Videoinstallation

Im Video wird die deutsche Fahne in einem performativen Prozess zur Flagge des bekannten Istanbuler Fußballklubs Galatasaray umgewandelt. Esra Ersen reflektiert in dieser Videoinstallation die Situation von deutschen Mädchen mit türkischer Herkunft und ihre Verbindung zu ihrem kulturellen Hintergrund. Sie beschreiben die problematischen deutsch – türkischen Beziehungen, in denen insbesondere türkische MigrantInnen wenige Momente haben, in denen sie sich auf der selben Augenhöhe treffen können. Eine dieser Sternstunden war 2000 die Verleihung des UEFA Cup Pokals an Galatasaray, ein Umstand, der vielen im Ausland lebenden Türken erlaubte, selbstbewusster mit ihrer Identität umgehen.


If You Could Speak Swedish, 2001

Videoinstallation

Das Thema der Migration und der Integration ist in den Videoarbeiten und Projekten von Esra Ersen ein wiederkehrendes Thema. In ihrem Video If You Could Speak Swedish, 2001 [Wenn Du schwedisch sprechen könntest] untersucht Ersen den Sprachunterricht für MigrantInnen als Initiationsritus und disziplinierende Praxis, die dazu dient, die kulturelle Identität der „Fremden“ den Werten und Erwartungen des Aufnahmelandes anzunähern.
Die Arbeit entwickelte Esra Ersen in Zusammenarbeit mit EinwanderInnen und AsylwerberInnen, die mit ihr gemeinsam einen Schwedisch-Kurs in einem der Vororte im Süden von Stockholm besuchten. Für die Ausstellung im O.K wurde die Installation für den Ort adaptiert und zeigt das Video in einer schulartigen Umgebung.


Aussage, 2003

In Zusammenarbeit mit Gefangenen der Justitzanstalt Graz – Karlau entstanden Transparente, die Aussagen der Insassen auf die massige Beton-Umzäunung und damit nach Außen übertrugen.
Ausgangspunkt für Esra Ersen war der unübersehbare Gefängnisbau, der eine Art blinder Fleck innerhalb des wenig beachteten, für das Rotlicht-Milieu und seine hohe MigrantInnen-Quote bekannten Bezirks Gries ist. Mit den Insassen der Strafanstalt hat Esra Ersen, zunächst offen für das Ergebnis, viel Zeit verbracht. Da kaum etwas von ihrem isolierten und stigmatisierten Dasein über die Gefängnismauern hinaus dringt, bat sie die Häftlinge das zu äußern, was sie gerne sagen würden, um ihre Aussagen dann unzensuriert an den Außenmauern sichtbar zu machen.
Esra Ersen realisierte diese ortspezifische Arbeit für das Projekt „Real Utopia“ während Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas, für das sie von <rotor> association for contemporary art eingeladen wurde.
Im O.K ist neben dem Original einer bedruckten LKW-Plane die Dokumentation der Transparente auf dem Gefängnis zu sehen.


Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleißig…, 2005

Die Arbeit Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleißig…, 2005 entstand mit der 4. Klasse der „Schule für Alle“ am Teistlergut in Linz. Für die Dauer einer Woche trugen 21 SchülerInnen, begleitet von der Künstlerin, türkische Schuluniformen und beschrieben ihre Eindrücke beim Tragen. Diese Erfahrungen wurden direkt auf die Kleidungsstücke gedruckt und sind gemeinsam mit der filmischen Dokumentation im O.K zu sehen.
Das Projekt wurde erstmals 1998 für eine Realschule in Velen, Münsterland entwickelt und 2002 für die 4. Gwangju Biennale in Korea adaptiert. Gerade die Übertragung der Uniformen in die doch sehr verschiedenen Schulsysteme und die Reaktion darauf ist eine spannende Studie geworden: Während in Velen die SchülerInnen sehr unterschiedlich auf die Uniformen reagierten, wurden sie in der hierarchischen organisierten koreanischen Schule eher positiv aufgenommen. In Schule am Teistlergut dagegen entwickelte sich durch die geringe Schüleranzahl und die intensive Betreuung durch zwei Lehrerinnen der intensivste Austausch.


Parachutist in Third Floor, Birds in Laundry, 2005
[Fallschirmspringer im dritten Stock, Vögel im Waschraum]

Mit der provokanten These „2052 Malmö no Longer be Swedish“ an das Rooseum – Center for Contemporary Art eingeladen, nahm Esra Ersen nach einer gründlichen Recherche über die voraussehbare Entwicklung von Bevölkerungsstruktur und Migration Kontakt mit Kindern auf.
Ausgangspunkt der Arbeit war eine Begegnung mit zwei Mädchen in dem fast reinen „Ausländerviertel“ Holma, die ihr bemalte Stiegenhäuser zeigten. Die Malereien stammen von einem schwedischen Gärtner, der sie im Auftrag der Errichtungsgesellschaft bei der Renovierung der 1960er Jahre Gebäude anbrachte.
Gemeinsam mit einer Malerin hat Esra Ersen dessen Arbeitsweise aufgenommen und 10 Familien gewonnnen, ihre Vorstellungen von Ihrer Zukunft in deren Häusern bildlich festzuhalten. Den romantischen Bildern der Vergangenheit, in der das Vorstadtgebiet noch vorrangig von schwedischen Arbeiterfamilien bewohnt wurde, werden Wünsche und Träume der neuen BewohnerInnen von der Zukunft entgegensetzt.


Western Europe, 2000

Fotografien

In dieser fotografischen Arbeit spielt Esra Ersen mit Vorstellungen, Bildern und Symbolen. Die Künstlerin selbst posiert archaisch inmitten eines Weizenfeldes und könnte vom Covergirl bis zur mythologischer Figur alles darstellen. Die Fotos entstammen dem privaten Album der Künstlerin und sind auch ein Dokument ihrer persönlichen Erfahrungen. Die Arbeit verbindet die Sehnsucht nach dem Westen mit dem verklärten Blick auf die exotische Frau aus dem Osten.


Which One You Chose, 2003

Stereotype Identifikationsfiguren, wie sie japanischen Medien jungen Mädchen anbieten, thematisiert die Künsterlin in der Arbeit Which one you chose?, 2003, [Welche wählst du?].
Japanische Teenie-Zeitschriften arbeiten in jeder ihrer Ausgaben mit zwei Mädchen, wobei eines immer das coole und das andere das „sweet girl“ spielt, zwei Rollen aus der japanischen Comic-Kultur. Über einen Monat werden sie begleitet, erhalten Kleider und führen Tagebuch. Das Konzept ist so durchgängig und verbreitet, dass es scheint als wäre neben diesen beiden Charakteren kaum Platz für Alternativen.
Während Esra Ersens Aufenthalt in Tokio traf sie unterschiedliche Gruppen von Mädchen und eine Modekritikern, die über dieses Phänomen und ihre Kultur erzählten. In der Arbeit geht es darum zu verstehen, was es bedeutet sich mit stereotypen oder irrealen Charakteren, wie den Mangas, zu identifizieren und welche Funktionen solche Rollenbilder in einer Gesellschaft haben können.


SCHLUCHT

Innerhalb einer an die städtebaulichen Struktur von Istanbul angelehnten Gestaltung der „Schlucht“ des O.K offenbaren die hier vorgestellten Arbeiten eine kritische Sicht auf die Stadt – die Vielfalt ihrer kulturellen Identitäten, ihre sozialen und ethnischen Wirklichkeiten, ihren Charme und ihre Probleme.
Die spezifische Lage Istanbuls, der Übergang von Europa nach Asien mitten in der Stadt, macht sie zum Bindeglied zwischen Okzident und Orient – eine aufgeladene Geographie.


Hello Where is it?, 2000

Video

Hello Where is it?, 2000 zeigt die Aufzeichnung von Gesprächen, aufgenommen beim Überqueren der Bosporus-Brücke und damit einen alternativen Blick auf diesen markanten Ort. Zu sehen sind drei ineinander verschnittene Autofahrten über die Brücke, die zwei Stadtteile und Kontinente miteinander verbindet. Wir begleiten drei Paare und werden Beobachter ihrer beiläufigen Gespräche, bis sie jeweils von den Straßenschildern „Welcome in Europe“ oder „Welcome in Asia“ begrüßt werden, die den Übergang Orient zu Okzident markieren. Auch hier bleibt Esra Ersen unbeteiligte Beobachterin und Regisseurin, die zwar die Rahmenbedingungen vorgegeben hat und anwesend ist, sich aber nicht aktiv in die Handlung einmischt.


Hamam, 2001

Video

Dem Klischee von der exotischen, aber auch unterdrückten türkischen Frau begegnet Esra Ersen in der Installation Hamam, 2001. Durchaus ironisch präsentiert sich das Video von zwei jungen Frauen in einem klassischen türkischen Bad, wenn wir erfahren, dass die beiden zum ersten Mal an so einem Ort sind. Sie unterhalten sich in dieser intimen Situation über sexistische mails in ihrem Posteingang und tauschen sich über die Arbeit, den Freund, etc. aus.
Als BetrachterInnen begeben wir uns in einen intimen Raum. Wir werden zu voyeuristischen BeobachterInnen dieser privaten Unterhaltung, was wiederum dem Spiel mit Vorstellung und Klischee entspricht.


This is the Disney World, 2000

Video

In This is the Disney World [Das ist Disney World] ist es eine Gruppe von Straßenkindern, denen Esra Ersen auf ihren Streifzügen durch die Stadt folgt. Ein Leuchtreklameschild im Vergnügungsviertel Istanbuls wirbt mit den Lettern FUN CITY. Die interviewten Jugendlichen und Kinder singen populäre Songs, erzählen Geschichten aus ihrem Leben oder solche, die sie sich ausdenken. Das Video gliedert sich in einzelne Kapitel über Liebe, Gewalt, das Schicksal, das Erwachsen werden, Väter oder die Stadt. Esra Ersen dokumentiert mit ihrer Kamera, sie lässt die Kinder und Jugendlichen sprechen, mischt sich selbst nicht in die Unterhaltung ein, bleibt aber als Gesprächspartnerin präsent.


Brothers & Sisters, 2003

In Brothers and Sisters (2003) [Brüder und Schwestern] verschiebt Ersen die Aufmerksamkeit von der üblichen Debatte um die Migrationsbewegungen asiatischer oder afrikanischer Flüchtlinge nach Europa hin zu den unterwegs „Gestrandeten“: Sie lässt AfrikanerInnen in Istanbul zu Wort kommen, die ihre Reisepläne nach Mitteleuropa nicht realisieren konnten und in der Türkei nun als Illegale leben.
Auch für Brothers and Sisters wird Esra Ersen Teil einer Gruppe. Sechs Monate lang begleitet sie eine Anzahl von illegalen afrikanischen Immigranten, lernt ihre Welt kennen und hält ihre soziale Begrenzung und das kulturelles Umfeld in ihrem Video fest.


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